Messie-Syndrom: Ist Horten eine eigene Form der Zwangsstörung?

Titelbild: Messie-Syndrom, kaum begehbares Wohnzimmer

Wer an Messies denkt, hat oft das Bild einer chaotischen Person im Kopf. Tatsächlich steckt hinter dem krankhaften Horten eine psychische Störung, die eng mit Zwangserkrankungen verwandt ist. Betroffene können nicht einfach beschließen, aufzuräumen.

Dieser Beitrag erklärt, warum das Horten heute als eigenständiges Krankheitsbild gilt, woran Sie es erkennen und wie Angehörige oder Nachbarn reagieren können. Am Ende geht es um die Frage, wie eine Wohnung wieder bewohnbar wird.

Linz, ein Altbau mit knarrender Stiege. Herr Pichler holt in der Früh die Zeitung aus dem Postkasten und legt sie zu den anderen. Im Vorzimmer stehen inzwischen Stapel aus mehreren Jahren.

Seine Tochter hat ihm angeboten, einen Teil davon zum Altpapier zu bringen. Er wurde wütend und hat sie aus der Wohnung geschickt. „Da stehen Sachen drin, die ich noch brauche“, hat er gesagt, ohne einen einzigen Artikel nennen zu können.

Ist das Messie-Syndrom eine Zwangsstörung?

Lange wurde krankhaftes Horten als Unterform der Zwangsstörung betrachtet. Inzwischen beschreiben die internationalen Diagnosesysteme die Hortungsstörung als eigenes Krankheitsbild. Sie zählt zum Spektrum der Zwangsstörungen und verwandten Störungen.

Der Grund für die Trennung liegt im Erleben. Bei einer klassischen Zwangsstörung empfinden Betroffene ihre Gedanken als fremd und quälend, etwa beim ständigen Händewaschen. Beim Horten fühlt sich das Behalten dagegen richtig und vernünftig an.

Belastend wird erst der Moment, in dem etwas weg soll. Dann tauchen Angst, Schuldgefühle oder das Gefühl eines großen Verlusts auf. Genau das macht das Problem so hartnäckig.

Welche Fachbegriffe für das Horten gibt es?

Im Alltag hat sich der Ausdruck „Messie“ durchgesetzt. In Fachtexten finden Sie daneben Begriffe wie pathologisches Horten, Syllogomanie oder Desorganisationsproblematik.

Nicht jeder Begriff meint genau dasselbe. Manche betonen das Ansammeln, andere eher die Unfähigkeit, Ordnung zu halten. Für Angehörige zählt weniger das Etikett als die Frage, wie stark der Alltag eingeschränkt ist.

Woran Sie krankhaftes Horten erkennen

Ein voller Dachboden oder ein überquellender Kasten machen noch niemanden krank. Entscheidend ist, ob Räume ihren Zweck verlieren und das Leben darunter leidet. Typische Anzeichen sind:

  • Kaputte oder nutzlose Dinge werden aufgehoben, weil sie „irgendwann“ gebraucht werden könnten.
  • Gegenstände liegen ungeordnet übereinander, ein System ist nicht erkennbar.
  • Küche, Bad oder Bett lassen sich nicht mehr normal verwenden.
  • Geschenktes, Gratisware oder Fundstücke vom Sperrmüll kommen laufend dazu.
  • Jeder Versuch, etwas wegzugeben, endet in Streit oder Rückzug.
  • Besuch wird vermieden, die Wohnungstür bleibt für andere zu.

Eine Sonderform ist das Horten von Tieren. Dabei leben deutlich mehr Katzen oder Hunde in der Wohnung, als versorgt werden können. Hier sollten Tierschutz und Behörde rasch eingeschaltet werden.

So läuft die Reinigung einer Messie-Wohnung ab

Unterstützung für eine überfüllte Wohnung

Diskret, ohne Vorwürfe und mit rascher Antwort

Wie entsteht das Horten?

Eine einzelne Ursache haben Fachleute nicht gefunden. Diskutiert wird ein Zusammenspiel aus Veranlagung, belastenden Erlebnissen und Schwierigkeiten beim Entscheiden. Oft beginnt es schleichend und wird erst nach Jahren sichtbar.

  • Verluste: Ein Todesfall, eine Scheidung oder die Pension können das Sammeln verstärken.
  • Angst vor Mangel: Wer Not erlebt hat, behält eher alles, was nützlich wirken könnte.
  • Begleiterkrankungen: Depressionen, ADHS oder Angststörungen treten gemeinsam mit dem Horten auf.
  • Unsichere Zeiten: Krisen wie die Pandemie haben bei manchen Menschen das Bedürfnis nach Vorrat und Kontrolle verstärkt.

Fachleute beschreiben außerdem mehrere Schweregrade. Sie reichen von vollen, aber nutzbaren Räumen bis zu Wohnungen, in denen Hygiene und Sicherheit nicht mehr gegeben sind.

Welche Folgen hat das für Betroffene und Nachbarn?

Mit der Menge steigen die Risiken. Verdorbene Lebensmittel und feuchte Ecken ziehen Ungeziefer und Schimmel an. Gerüche dringen ins Stiegenhaus, Schädlinge wandern in Nachbarwohnungen.

Dazu kommt die Brandgefahr durch Papier neben Heizgeräten oder Kochstellen. Verstellte Wege erschweren im Ernstfall die Flucht und den Einsatz der Feuerwehr. Bei Brand gilt in Österreich der Notruf 122.

Sozial ziehen sich Betroffene immer weiter zurück. Aus Scham kommt niemand mehr in die Wohnung, auch keine Ärztin und kein Installateur. So wächst das Problem im Verborgenen weiter.

Der Nachbar hortet: Was können Sie tun?

Ein ruhiges, persönliches Gespräch ist der beste Anfang. Sprechen Sie konkrete Beobachtungen an, etwa Geruch oder Ungeziefer, und vermeiden Sie Vorwürfe. Druck kann bei Betroffenen zu noch mehr Rückzug führen.

Ändert sich nichts, ist die Hausverwaltung die richtige Stelle. Sie kann den Mieter auf seine Pflichten hinweisen und Fristen setzen. Bei erheblich nachteiligem Gebrauch der Wohnung sieht das Mietrechtsgesetz als letzten Schritt auch eine Kündigung vor.

Geht von der Wohnung eine Gefahr für Gesundheit oder Sicherheit aus, können Gemeinde oder Magistrat eingeschaltet werden. Kann ein Mensch seine Angelegenheiten nicht mehr selbst regeln, prüft das Gericht eine Erwachsenenvertretung.

Erste Anlaufstellen: Psychosoziale Dienste, Hausärzte und die Telefonseelsorge unter 142 hören zu und vermitteln weiter. Sie helfen auch Angehörigen, die nicht mehr weiterwissen.

Kleine Schritte gegen das Anhäufen

Wer merkt, dass die eigenen Sachen überhandnehmen, beginnt am besten klein. Eine einzige Lade, ein Regalbrett oder eine Ecke reicht für den Anfang. Ausräumen, auswischen und nur zurücklegen, was wirklich verwendet wird.

  1. Legen Sie drei Kisten bereit: behalten, weitergeben, entsorgen.
  2. Fragen Sie bei jedem Stück, wann Sie es zuletzt benutzt haben.
  3. Bringen Sie Aussortiertes noch am selben Tag zum Mistplatz oder in den Sozialmarkt.
  4. Gönnen Sie sich danach eine Pause, statt sofort weiterzumachen.

Bei echtem Horten reichen solche Tipps allein nicht aus. Eine Psychotherapie, idealerweise mit Erfahrung bei Zwangserkrankungen, ist dann der wichtigste Baustein. Mehr dazu, wie der Einstieg ohne Scham gelingt, lesen Sie im Beitrag über den ersten Schritt aus dem Chaos.

Reinigungspartner bei der Arbeit

Reinigungspartner räumen eine stark vollgestellte Wohnung

Wieder Platz zum Wohnen schaffen

Kostenlose Besichtigung, danach ein fester Preis inklusive Entsorgung

Wann sich Hilfe beim Räumen lohnt

Therapie und praktische Hilfe beim Räumen ergänzen einander. Ist die Wohnung so voll, dass Wege und Fenster verstellt sind, schaffen Betroffene das kaum allein. Dann ist es sinnvoll, die Räumung und Reinigung einer Messie-Wohnung an Fachleute abzugeben.

Mr. Cleaner ist eine Plattform, die lokale Reinigungspartner vermittelt. Bei einer Messie-Wohnung schaut sich ein Partner die Räume zuerst bei einer kostenlosen Besichtigung an. Danach erhalten Sie einen festen Preis inklusive Abtransport und Entsorgung.

Um Container und Absperrung kümmert sich Mr. Cleaner, möglichst diskret gegenüber der Nachbarschaft. Für Schäden ist der Reinigungspartner versichert. Ob eine Wohnung schon als Messie-Wohnung gilt, klärt der Beitrag zu stark verschmutzten Wohnungen.

Fazit: Horten ist eine Erkrankung, kein Charakterfehler

Das Messie-Syndrom gehört zu den Zwangserkrankungen, unterscheidet sich aber im Erleben deutlich davon. Betroffene brauchen Verständnis, therapeutische Hilfe und praktische Unterstützung. Vorwürfe verschlimmern die Lage.

Für Herrn Pichler in Linz war der erste Schritt ein Gespräch mit seinem Hausarzt. Die Zeitungen im Vorzimmer sind noch da, aber er hat zugestimmt, dass seine Tochter wiederkommen darf.

Dark green decorative wave